Der metaphysische Status des modernen Menschen ist (angelehnt an Georg Lukács) jener der „transzendentalen Obdachlosigkeit“. Das Unbehagliche, das Entfremdende der Gegenwart liegt jedoch nicht in diesem Status, der ja auch als emanzipatorischer Fortschritt ausgelegt werden kann. Vielmehr liegt das Defizit darin, dass die Auseinandersetzung mit diesem Status grundlegend verweigert wird. Eine Form von Seinsvergessenheit.

Multitasking: die Unmöglichkeit von Bewusstheit.

Wir wissen nicht, ob Platon recht hat mit seinem Höhlengleichnis: dass wir unser Dasein allesamt in einem dunklen Raum fristen, ohne den Ausgang zu kennen, der uns in die »wahre« Welt führen würde, ins Freie, ins gleißend helle Licht. Vielleicht stehen wir sogar längst in diesem gleißend hellen Licht, fasziniert von der Welt, können aber nicht mehr in die Nacht, den Sternenhimmel sehen, vermögen also nicht mehr, jene Welt wahrzunehmen, in der unsere Welt aufgehoben ist, so dass wir, von der Tages- und Welthelligkeit blind gemacht, glauben, unsere Welt sei die einzige, es gäbe kein Dahinter, kein Größeres, kein Unerkanntes, Unerfahrenes. So oder so: Wir wissen nicht, ob die Wirklichkeit, in der wir leben, die einzige Wirklichkeit ist oder ob unser Sein nicht vielmehr in etwas gründet, das wir nicht ermessen können, weder erfahren noch erkennen, höchsten erahnen – eben weil wir keine olympische Perspektive einzunehmen vermögen, können wir nur vermuten, spekulieren oder, wie es die moderne Wissenschaft tut, uns auf das konzentrieren, das allen ohne weiteres zugänglich ist: die sichtbare Welt. Es ist aber nicht auszuschließen, in Platons Sinne, dass wir, unsere positivistischen Wissenschaften, lediglich dabei sind, die Höhle, die wir als einzige Welt zweifelsfrei erkennen, bis ins Letzte zu vermessen, zu analysieren und zu beschreiben. Es bleibt also, notwendigerweise, ein existentieller Zweifel, eine Offenheit menschlichen Seins für das Numinose.

Gott ist tot, lange schon. Aber noch immer wagt kaum einer, die Seinsfrage zu stellen. Die Moderne: eine Fluchtbewegung.

Der Mensch ist nicht dasjenige Wesen, das Logos (Sprache) hat. Sondern: jenes Wesen, das Logos (Sprache) ist.